Einführung in die Psychohistorik - von Michael F. Flynn
" Wir müssen darauf vorbereitet sein, dass wir von der Zukunft überrascht werden, aber wir brauchen nicht verblüfft und sprachlos zu sein" - Kenneth Boulding
Erster Teil - Die Mathematik der Geschichte
Vor Jahren stellte sich Isaac Asimov eine mathematische "Geschichtswissenschaft" vor, die auf diverse Fragen eine Antwort liefern kann. Und heute ist seine fiktive Psychohistorik im Begriff, Realität zu werden. Noch ist es nicht so weit. Bis jetzt ist kein Wissenschaftler aufgetreten, der die Verbindung zwischen den einzelnen Disziplinen herstellen würde; aber Forscher in so unterschiedlichen Bereichen wie Ökologie und Differenzial-Topologie haben bereits die Grundlagen dazu entwicklt.
Die Psychohistorik stellt einen Versuch dar, die Kräfte, die die menschliche Geschichte antreibt, zu begreifen und sie in brauchbare mathematische Begriffe auszudrücken. Kurz gesagt also ein Versuch, die Analyse an die Stelle der Anekdote zu stellen. Um es genauer zu sagen, wir wollen Gesetze formulieren bezüglich:
- der internen Struktur verschiedener Gesellschaften;
- ihre geographischen Beziehungen, und
- ihre Dynamik über Zeiträume hinweg.
Diese schlichte Behauptung reicht aus, um Schreie der Empörung auszulösen: Die Wissenschaft sei entmenschlichend. Wir brauchen weniger Wissenschaft, nicht etwa mehr. Eine Gesetzmäßigkeit der Geschichte ist unmöglich, weil die Menschen über freien Willen verfügen! Außerdem sind die menschlichen Gemeinwesen zu komplex, als daß man sie wissenschaftlicher Analsys unterwerfen könnte!
Aber sind diese Einwände stichhaltig? Als Wissenschaft bezeichnet man die Entwicklung materieller Ursachen für meßbare Phänomene. Als solche ist sie eher entmystifizierend als entmenschlichend. Wenn es materielle Ursachen für Zustände wie Krieg und Armut gibt, dann kann man diese Ursachen nur dadurch beseitigen, indem man sie in Angriff nimmt, nicht aber indem man sie mit guten Gedanken wegwünscht. Jedenfalls leidet das Studium der Kultur im Augenblick, wie der Anthropologe Marvin Harris bemerkt, nicht gerade an einer Überdosis wissenschaftlicher Methodik.
Was den freien Willen angeht: Freiheit ist das Gegenteil von Zwang, nicht etwa von Kausalität. Eine freie Wahl ist keine unvernünftige Wahl. Das heißt, sie hat Gründe - oder Ursachen -, die man in Form eines Gesetzes zusammenfassen könnte. Ein wissenschaftliches Gesetz ist eine Beschreibung, nicht etwa eine Ursache von Phänomenen.
Ein historisches Gesetz kann einen ebensowenig dazu zwingen, sich in bestimmter Weise zu verhalten, wie einen eine versicherungsmathematische Tabelle zum Sterben zwingt. Die Komplexität der menschlichen Gesellschaft bedeutet lediglich, daß es schwierig sein köönte, die Gesetze der Geschichte zu entdecken, nicht etwa, daß sie nicht existieren, Sicherlich sind viele der in diesem Artikel zitierten Beispiele grob vereinfachend; aber vereinfachend braucht nicht gleichbedeutend mit falsch zu sein. Selbst eine grob vereinfachende Analyse kann durchaus zum Verständnis beitragen. Im gegenwärtigen Stadium rechnet niemand damit, ein einziges, allumfassendes System von Differentialgleichungen aufstellen zu können, daß jede Spielart der Gesellschaft beschreiben könnte. Schließlich haben die Physiker auch bis jetzt das allgemeine Drei-Körper-Problem noch nicht gelöst. Wir stehen auch erst am Anfang einer mathematisch-wissenschaftlichen Betrachtungsweise der Zivilisation.
Die Psychohistorik ist eine umfangreiches Thema, das wir hier nicht in aller Breite abhandeln können. Wohl aber können wir uns einige Höhepunkte dieser Am Anfang stehenden Wissenschaft herausgreifen.......] Aber auch die ausgefeilteste Methematik ist steril. Wir brauchen auch eine Theorie, um sie zu stützen. Dies fühert zu den zwei Grundaxiomen, die in Tei 2 behandelt werden.
Zweiter Teil - die Biologie der Geschichte
Biologie und Zivilisation sind eng verwandt. Eine menschliche Gemeinschaft ist zumindest eine biologische Population, die verschiedenen ökologischen Gesetzen unterworfen ist. Aber daneben gibt es auch strukturelle Parallelen oder Analogien. Adam Smith und Karl Marx haben sich bei der Entwicklung ihrer Wirtschaftstheorien stark auf biologische Analogien gestützt, und Charles Darwin hat den Begriff der Evolution durch natürliche Auswahl ausdrücklich von Adam Smith übernommen.
Die Geschichte selbst stellt eine Analogie zur biologischen Morphogenese dar. Beide befassen sich mit der Entwicklung von Struktur innerhalb eines Systems. Genetisch identiche Zellen differenzieren sich in Nervenzellen, Muskelzellen etc. und werden zu komplexen Organismen mit vielen spezialisierten Organen. In ähnlicher Weise haben sich Sammler/Jäger in Priester, Könige, Metallbearbeiter etc. differenziert und komplexe Staaten mit vielen spezialisierten Einrichtungen entwickelt. Sind die Mechanismen in beiden Fällen analog?
In seinem Buch "Living Systems" vergleicht der Biologe James Miller Zellen, Organe, Organismen, Organisiationen und Nationen; und gelangt zu dem Schluß, alle lebenden Systeme besitzen eine gemeinsame Struktur. Alle bestehen aus neunzehn lebensnotwendigen Subsystemen, die Informationen und /oder Materie/Energie verarbeiten. Eine Zellmembran und die Grenz/Zoll-Wachen einer Nation sind beispielsweise Grenz-Subsysteme und funktionieren in analoger Weise, indem sie den Fluß von Informationen und Materie/Energie zwischen den Systemen und seiner Umgebung regulieren. Falls eines von Millers neunzehn Subsystemen ausfällt, stirbt das System.
Dr. Millers Modell liefert den Rahmen, um das Wissen über eine Art von Lebenssystem auf andere Arten zu übertragen. Aber - ein Hinweis zur Vorsicht! -: Gesellschaften sind ebensowenig "Super-Organismen", wie Organisationen keine "Super-Zellen" sind! Sie sind eindeutig unterschiedliche Arten von Systemen, die nichtsdestoweniger signifikante strukturelle Parallelen aufweisen.
Sämtliche lebende Systeme verarbeiten Informationen. Biologische Systeme benutzen dazu DNS, während zivilisatorische Systeme Sprache benutzen. Beide Formen der Informationsverarbeitung werden als "Verkehr" bezeichnet. Der Informationsinhalt eines Systems wird als eine Komplexität bezeichnet. Nicht-lebende Systeme werden in zunehmenden Maße weniger komplex (Entropie); aber lebende Systeme sind imstande, von ihrer Umgebung Informationen und Materie/Energie aufzunehmen und komplexer zu werden (Evolution).
Wir können die Komplexität einer Gesellschaft aus der Zahl der funktionalen Spezialisierung abschätzen. In einem Stammesverband ist beispielsweise jeder Bauer, selbst der Häuptling und der Schmied; in einem Stadtstaat hingegen gibt es hauptberufliche Verwalter und Künstler, die ihre ganze Arbeitszeit diesem Beruf widmen. Vor fünfzig Jahren, schrieb David Warsh, verstand man unter einem "Spezialisten" einen Kavallerieoffizier oder einen Chemiker. Heute haben wir Astronauten, Medienberater, Testingenieure, Science Fiction-Schriftsteller und eine Unzahl weiterer Spezialisten. Warsh führte überzeugend aus, dass der allgemeine Preisanstieg eine Folge der wachsenden gesellschaftlichen Komplexität ist, weil der Preis der Innovation wie eine Kaskade das ökonomische Preisgewebe durchläuft. Ein Krankenhausaufenthalt, schreibt er, kostet heute mehr, weil er nicht mehr dasselbe ist wie ein Aufenthalt vor fünfzig Jahren. Auf diese Weise folgt Perioden intesiver technischer Innovation gewöhnlich eine Periode der Hyperinflation.
Systeme werden sowohl infolge der Spezialisierung der Funktion als auch der Zentralisierung der Steuerung komplexer. Treibt man die Komplexität freilich zu weit, so wird daraus Hypertrophie. Indem die Gesellschaft sich zentraliserte und spezialisierte, hat sie sich in zunehmendem Maße ihrem lokalen Habitat besser angepasst. Bleibt das Habitat gleich, kommt die Entwicklung zum Stllstand - ebenso wie bei biologischen Spezies -,erreicht also enen Zustand des Gleichgewichts. Wenn die Umwelt sich ändert, kann die Gesellschaft sich möglicherweise nicht mehr schnell genug anpassen. Institutionen/Organe, die ihr in der Vergangenheit gute Dienste geleistet haben, können nicht sofort aufgegeben werden! Die Folge ist häufig der Zusammenbruch: ein dunkles Zeitalter folgt.
Die Geschichte besteht sowohl aus konvergierender wie aus divergierender Evolution. Manchmal verhalten sich unterschiedliche Gesllschaften gleich, in anderen Fällen folgen Gesellschaften unterschiedliche Wege. Können wir sowohl konvergierendes als auch divergierendes Verhalten erklären?
Einige Zivilisationstheorien wie zum Beispiel die Soziobiologie versuchen das gesellschaftliche Verhalten genetisch zu erklären. Gesellschaften sind jedoch zu radikalem Wandel fähig, selbst innerhalb einer einzigen biologischen Generation. Zivilisatorische Errungenschaften wie die Glühbirne, der Marxismus oder die Relativitätstheorie breiten sich in der Gesellschaft aus, ob ihr Erfinder und deren Verwandte nun Nachkommen haben oder nicht. Das bedeutet keineswegs, dass die Genetik in der Kultur keine Rolle spielt. Genetische Theorien können die menschliche Entwicklungs-Hüllkurve beschreiben, innerhalb derer eine Veränderung möglich ist, sind aber nicht imstande, Variationen innerhalb dieser Hüllkurve zu erklären.
Weiter Theorien in kurzer Auflistung:
- Richard Dawkins Konzept der Meme - Meme sind die kulturelle Analogie zu den Genen
- Die Verhaltens.Infrastruktur einer Gesellschaft
- Prinzip des infrastrukturellen Determinismus
- Theorie des Kulturellen Matrealismus
- Grundaxiom der zivilisatorischen Evolution
- Knappheit an Resourcen ist die treibende Kraft der zivilisatorischen Entwicklung
- Regulierung des Bevölkerungswachstums
- Handel bis hin zum Krieg zur Sicherung des erreichten Wohlstandes
Psychohistorik ist möglich - aber ist sie wünschenswert? - Welche Implikationen für die Menschenwürde bringt sie mit sich?
Das Mem, wonahc die Wisenschaft irgendwie entmenschlichend sei, ist stark in unserer Gesellschaft verwurzelt. Oder, wie ein Intellektueller kürzlich schrieb, es wächst das Gefühl, dass die ehrwürdigen Methoden der Geschichte, die im wesentlichen auf denen der Naturwissenschaften basieren, konzeptionell und moralisch bankrott sind.Tatsache ist, dass die Naturwissenschaft die Geistes- und Sozialwissenschaften seit geraumer Zeit immer wieder mal auf den Kopf gestellt hat. Der erste Aufbruch der Physiker in der Archäologie - Altersbestimmung durch radioaktiven Kohlenstoff - führte zu einer gründlichen Revolution der prähistorischen Chronologie, einer Revolution, die anzuerkennen sich einige Archäologen immer noch schlichtweg weigern. In ähnlicher Weise hat die kartographische Erfassung der Genfrequenzen durch die Biologie einige noch interessantere Fakten ans Tageslicht gebracht, wie beispielsweise den Angriff der Milchtrinkenden Mutanten, deren eigenartige Fähigkeit, als Erwachsene Milch verdauen zu können, zu der Kuh-und-Pflug-Revolution führte und damit die arabischen, semitischen und sudanesischen schwarzen Rassen hervorbrachte. Geschichte ist ein evolutionärer Prozeß. Veränderungen sind kumulativ, und jeder Moment wächst in den nächsten. Zufallsfluktuationen können durch kausale Abhängigkeiten verstärkt werden. Betrachten wir das Problem der Wettervorhersage - und dabei handelt es sich lediglich um Physik!
Ebenso wie Metrologen einigermaßen vernünftig das Klima wenn nicht das Wetter vorhersagen können, so könnte der Psychohistoriker imstande sein, die groben Umrisse der Zukunft vorhersagen. Ganz sicher könnte er das, was augenblicklich geschieht, beleuchten. Eines steht außer Zweifel: Wenn es so etwas wie geschichtliche Kräfte gibt, dann sind sie am Werk, ob wir uns ihrer nun bewußt sind oder nicht! Lieft darin größere Menschenwürde, das Opfer von Umständen zu sein, als darin, dass man versucht, sie zu studieren und zu verändern? Die Wissenschaft schränkt den menschlichen Geist nicht ein, sie erweitert ihn. Wir fliegen - trotz der Gesetze der Schwerkraft! Wie Marvin Harris es formuliert hat -, Subjektivität und Selbsttäuschung sind nicht das Maß des Menschseins.
